Fachausschuss Technik
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Fahrrad-Lateyn: Industrielager

Die z.B. für Naben oder Fully-Gelenke verwendeten ...

Industrie(kugel)lager

... sind anders als traditionelle Fahrradlager: Wie der Name schon sagt, handelt sich um Industrieprodukte. Herkömmliche Lager hingegen werden bekanntlich nicht industriell hergestellt, sondern in ehrwürdiger Handarbeit, da wird noch jede Kugel und jede Lagerschale mit der Hand am Schraubstock gefeilt - von Ernst Sachs bzw. Yoshizo Shimano persönlich.

Das ist natürlich Kappes: beide Bauarten sind Industrieprodukte. Die klassischen Lager (technisch korrekt: einstellbare, mehrteilige Schrägschulter- bzw. Konenlager) samt eventuellen Dichtungen werden eben vom Hersteller des Fahrradteils, z.B. Nabe, selbst gefertigt - industriell. Sogenannte Industrielager sind Zulieferteile von Wälzlagerfabriken, mit genormten Abmessungen und Eigenschaften wie Mindestbelastbarkeit. Meistens sind das kompakte, einteilige, gedichtete Rillenkugellager, die beim Zusammenbau entweder eingepresst oder (moderner und technisch besser) mit einem Tropfen Klebstoff fixiert werden.

Korrekte Bezeichnung also: Norm(kugel)lager.

Vorteil für den Fahrradteilhersteller: Viel einfachere Konstruktion und Produktion. Deshalb finden sich "Industrielager" besonders häufig an Kleinserienprodukten. Nachteil: Bei einfachen Großserienteilen teurer im Einkauf.

Vorteile für den Verbraucher: Die Lager sind wartungsarm bis -frei, sie müssen (meistens) nicht ein- oder nachgestellt oder nachgefettet werden. Die Fertigungsqualität (Oberflächen, Maßtoleranzen, Härtung und Dichtungstechnik) der Spezialfabriken ist fast immer um Längen besser als bei Lagerteilen der Fahrradteileindustrie. Deshalb halten sie, selbst bei z.T. verblüffend winzigen Abmessungen, in der Regel deutlich länger.

Und sind die Normlager irgendwann doch verschlissen, können sie mit Standardwerkzeugen, über die jede Dorfschmiede verfügt, bei durchschnittlicher Schlosserkunst unkompliziert gewechselt werden. Fahrrad-Spezialwerkzeuge wie Konenschlüssel sind verzichtbar. Gewechselt werden nur die Lager selbst, als eigentliche Verschleißteile - es fliegt nicht, wie oft bei traditioneller Lagertechnik, auch noch die Achse oder das gesamte Bauteil auf den Schrott.

Der aus meiner Sicht größte Vorteil: Normlager gibt es im Kugellagershop, in jeder größeren Stadt, auch in der 3. Welt, und auch wenn es das Fahrradteil oder seinen Hersteller schon Jahrzehnte nicht mehr gibt. Die Ersatzteilversorgung ist also sicher, der Verbraucher insofern autonom, und das Fahrradteil, dessen einzige echte Verschleissteile in der Regel die Lager sind, damit ein deutlich nachhaltigeres Produkt.

Der (meistens) höhere Preis für "industrie"gelagerte Bauteile ist also, aus der Vielfahrerperspektive jedenfalls, gerechtfertigt.


Rainer Mai

letzte Aktualisierung: 2003-10-18

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